Ja zur Kunst
Man sagt, Kunst brauche Tempel: massive Bauten, die sich als Wahrzeichen aufspielen, als müsse Kultur von weitem sichtbar sein. Das ist ein Reflex aus einer anderen Zeit – als Bürger noch in Kolonnen pilgerten, um das Heilige zu bestaunen.
Das Referendumskomitee hat mit diesem Reflex bedenken – nicht mit der Kunst. Kunst war immer frei, irritierend, überraschend und durchaus nützlich. Doch sie findet heute längst anders statt: im Off, im Digitalen, im Provisorium, im Vorübergehen. Kunst braucht keinen Tempel. Sie braucht funktionierende Infrastruktur: eine Steckdose, pragmatische Räume und nachhaltige Bauten. Statt immer neue Prestigeprojekte aus dem Boden zu stampfen, wäre es klüger, die bestehenden Gebäude endlich sorgfältig zu unterhalten. Wer Kultur ernst nimmt, investiert zuerst in das, was bereits da ist – in nutzbare Räume, solide Strukturen und eine lebendige Szene. Alles andere ist teurer Symbolismus statt verantwortungsvolle Kulturpolitik.
Die Schweiz war immer dann stark, wenn sie Mass hielt. Nicht größer bauen, sondern klüger handeln. Gerade im Umgang mit öffentlichen Mitteln zählt Präzision statt Symbolik. Die Kreativwirtschaft zeigt täglich, dass mit begrenzten Ressourcen Substanz entsteht. Kultur ist Zukunft – nicht Beton gewordene Eitelkeit.
Niemand will die Kunst abschaffen. Im Gegenteil: Man will sie vom Pathos befreien. Kunst ist kein Wahrzeichen. Kunst ist eine Zumutung – und oft genügt das vollkommen.